07/03/2021
Kölner Erklärung #3
Liebe Kölnerinnen und Kölner,
wir möchten euch und Ihnen erklären wie es uns geht, was wir in den vergangenen Wochen erlebt haben und wie unser Blick in die Zukunft aussieht. Ein offener Seelen-Striptease, wie wir die Maßgaben aus Berlin bewerten und warum in Köln existenzielle Fehler passieren.
Wir alle sind Gastgeber aus Überzeugung und möchten nichts lieber als für euch alle wieder Schnitzel in die Pfanne zu hauen, Café zu brühen, Cocktails zu shaken, Betten zu beziehen oder Kölsch zu zapfen. Wir leben dafür EUCH zu bewirten und zu verwöhnen.
Die Bundes- und Landesregierung hat uns in Aussicht gestellt unsere Außengastronomie ab dem 22. März wieder zu bewirten. Allerdings nur bei einer Inzidenz unter 100 und mit der klaren Vorgabe, dass wir die Betriebe wieder schließen müssen, wenn die Inzidenz über diesen Wert klettert. Wir wissen nicht einmal ob der Wert am 22. März nicht schon erreicht ist und wir die Sonne dieses Frühjahr überhaupt nicht mehr sehen werden.
Für die gebeutelten Brauereien bedeutet das, die müssen JETZT Fässer abfüllen. Für den Lebensmittelgroßhandel bedeutet das, die müssen JETZT Ziegenkäse und Schweinerücken bei den Zulieferern bestellen. Für die Gastronomien bedeutet das, die müssen sich JETZT personell aufstellen, Leute aus der Kurzarbeit zurückholen und darauf hoffen dass das Team auch wirklich wieder dabei ist.
Es ist total charmant, dass man einem Teil von uns wieder die Chance geben möchte zu arbeiten, aber die allermeisten werden dadurch final geschädigt und auch die letzten Sargnägel finden den Weg in das morsche Holz. Sollten wir am 22. März öffnen dürfen und der April wird wie ein normaler April so wird, mit 11 Regentagen und Abends im Schnitt 9 Grad, dann wird der wenige Umsatz auf die geringe Hilfe angerechnet und auch diese wird uns dann noch genommen. Ein finanzielles Desaster und eine hohle Nebelkerze die uns da aus Berlin an die Hand gegeben wird. Warum sitzen bei solch existenziellen Verhandlungen keine Gastronomen:Innen mit am Tisch?
Aber nehmen wir einfach mal an die Betriebe mit Plätzen draußen öffnen und es wird ein Jahrhundertfrühling. Die Bienen summen, die Sonne lacht und die Laune steigt auf das Niveau eines lauen Sommerregens am Strand von Sansibar mit nem Cuba Libre in der Hand. Dann gibt es leider ein verdammtes anderes Problem: Wir haben der Stadt Köln mit voller fachlicher Rückendeckung der KLUBKOMM, der DEHOGA Nordrhein e.V., Veedel lieben - Veedel leben und damit den sämtlichen Interessensgemeinschaften des Handels, mehrfach ein Konzept vorgetragen, wie binnen weniger Tage auf 30 bis 50 Kölner Plätzen Testzentren für alle Kölner Bürgerinnen und Bürger stehen könnten. Erstellt von absoluten Profis in dem Bereich, Köln hat da die allerbesten Leute in der eigenen Stadt, die das jetzt an andere Städte verkaufen. Das ist auf allen Ebenen abgelehnt worden. Mehrfach. Apotheken und Ärzte können das kostenlose Angebot nicht abdecken, wir werden also einen Mangel an kontrolliert und fachlich durchgeführten Tests erleben und dementsprechend können uns garnicht alle Gäste besuchen die das möchten. Auch dem Handel wird damit eine zügige Perspektive auf kommunaler Ebene genommen. Wir bieten der Stadt auch auf diesem Wege noch einmal unsere Hilfe an, hier erfolgreich zu vermitteln und binnen weniger Tage eine erstklassige Lösung stehen zu haben. Es wäre fatal, wenn wir weiter auf der Brücke stehen und uns anschauen wie der Zug abgefahren ist, aber daran erfreuen wie schön die Schlösser sind die an der Brücke hängen. Das hat in normalem Zeiten Charme, aber während einer Pandemie können wir uns diese Mentalität nicht erlauben.
Zum Ende möchten wir uns von der regionalen Ebene wieder verabschieden und den Rücktritt von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn fordern. Wir sind der festen Überzeugung das unsere Branche wieder arbeiten könnte, wenn verschiedene Themen seit dem letzten Sommer mit mehr fachlicher Sauberkeit, Mut und Engagement angegangen worden wären. Es geht hier um Fehler, die Folgen und Konsequenzen für die Bürgerinnen und Bürger eines ganzen Landes haben.
Dazu kommt noch der wirklich heftige Slapstick, den er gestern allen Ernstes live bei der Bundespressekonferenz gesagt hat:
„Es wird doch so sein irgendwann, das vor dem Restaurantbesuch, da ne Stelle ist, öh, also jetzt nur mal so gedacht, da ne Stelle ist vor dem Restaurant, da wird vielleicht das erste Getränk genommen in ner kleinen Gruppe, die sind zeitweise bestellt, so dass da nicht ne riesen Gruppe ist, Tisch 15, 5 Leute, kommt um 19.15 Uhr, hast vielleicht draußen ein kleines Zelt aufgebaut, machst den Selbsttest unter Aufsicht, kriegt dabei ein Getränk, geht dann rein. ES MUSS DOCH NICHT ALLES DER BUND, ODER AUCH DIE LÄNDER, EN DETAIL REGELN. Das wird sich doch ergeben.“
Lieber Jens Spahn, in Köln gibt es ein Handbuch der Stadtverwaltung mit knapp 180 Seiten. Dort ist geregelt welche Farbe unser Mobiliar haben darf, wie groß ein Blumenkübel auf der Terrasse sein kann und wie oft das Laub gefegt werden muss. Im vergangenen Corona-Sommer haben wir mit dem zuständigen Amt mehrere Wochen verhandeln müssen, ob an einer Markise seitlich etwas runterhängen darf, damit man im Herbst geschützter draußen sitzen kann in Zeiten der Pandemie. Es ist zum Ausrasten und Sachen in den Fernseher schmeißen, wenn Sie den Menschen erklären wir sollen doch alle einfach ein Zelt vor den Laden stellen, während wie hier in Köln aber meist schon an Blumentöpfen scheitern!!!
Herr Spahn, das ist ernst gemeint, es ist keine Schwäche Hilfe anzunehmen. Hier unsere Telefonnummer, rufen Sie uns gerne an oder schreiben uns ne WhatsApp: 0163 0014931
Wir sind und bleiben Gastgeber aus Leidenschaft. Kein Jens Spahn und kein Testdesaster wird uns das versauen können. Wir freuen uns auf alle Kölnerinnen und Kölner als unsere Gäste, auf die Menschen aus dem Rest der Welt, endlich auch mal wieder Touristen, egal wann das wieder der Fall sein wird. Wir geben alles dafür dass wir dann noch da sind.
Ihr fehlt uns. Noch mehr, weil wir uns von der Politik mittlerweile sehr alleine gelassen fühlen.
Denkt an uns, bleibt uns treu und teilt diesen Beitrag.
IG Kölner Gastro e.V im Namen vieler Kölner Gastronomiebetriebe.