19/11/2022
Der 11.11. hat eine hitzige Debatte ausgelöst. Wir haben uns bewusst zurückgehalten, weil wir hören wollten, wie Betroffene und Anliegende die Situation einschätzen und wir haben mit Experten gesprochen, die sich mit der Lenkung von Menschenmassen auskennen. Und wir haben beleuchtet, warum nicht auf die Warnungen im Vorfeld gehört wurde, obwohl die so deutlich von Fachleuten geäußert wurden. Klar ist, es war ein Versagen auf ganzer Linie. Mit Ansage.
Seit dem Jahr 2017 gibt es einen Runden Tisch Kölner Karneval. Damals ins Leben gerufen, weil ein 11.11. an einem sonnigen Samstag total eskaliert ist. Überall in der Stadt sah es damals aus wie auf einer Mülldeponie, es roch nach Urin und viel zu viele junge Menschen haben sich auf das Maul gehauen. Schon damals gab es viele kluge Leute, die davon gesprochen haben es müsste viele kleine oder ein großes Festival geben, ein Programm für junge Menschen, mit Regeln und Leitplanken.
Passiert ist aber leider fast nichts.
Bei dem vorletzten Runden Tisch Kölner Karneval, bei dem die konzeptionelle Idee für diesen 11.11. vorgestellt wurde, waren unter anderem die DEHOGA Nordrhein e.V., IG Schaafenstrasse und die IG Kölner Gastro anwesend. In den eigenen Reihen gespickt mit Menschen die Großveranstaltungen ausrichten, also Leuten mit Plan. Vehement haben wir alle der Stadt Köln widersprochen, als die Pläne vorgestellt wurden. Manche wurden laut und so deutlich, wie wir es in Gesprächen mit der Stadt Köln noch nicht erlebt haben. Uns allen war klar, dass das überhaupt keine gute Idee ist, zehntausende Menschen zu einem Eingang zu schicken und keine Ausweichprogramme als Alternative anzubieten. Es einte uns alle, dass das nicht klappen kann.
Darauf aber wurde nicht gehört und es kam wie es kommen musste, zu lebensbedrohlichen und sehr unschönen Szenen.
Videos auf Twitter lassen jeden Veranstalter und jede Veranstalterin erzittern, es hätten in einigen Situationen Menschen nur stolpern müssen und Hunderte wären drüber gerannt. Die Folgen wären nicht nur für die betroffenen jungen Menschen fatal gewesen, auch diese Stadt hätte sich nicht davon erholt, es hätte Nachwehen gegeben wie die Silvesternacht und auf viele Jahre wäre das unbeschwerte Lebensgefühl der Jecken Tage verloren gegangen. Die Stadt Köln hat das alles in Kauf genommen, gepokert, mit Verletzungen und Menschenleben gespielt.
Die Einlasssituation vor der Zülpicher Straße war für ungefähr 10.000 Menschen bemessen. Mehrere Zehntausend aber wollten gerne in Richtung Zülpicher Straße. Wir haben das mit den besten Fachleuten dieser Stadt besprochen, die waren alle fassungslos. Man muss auch echt kein Genie sein, um zu verstehen, dass das nicht klappen kann.
Die eingesetzte Security war die gleiche Firma der Vorjahre. Dass einige korrupt sind und sich am Einlass haben schmieren lassen ist nicht schön, dürfte aber bei jedem Dorffest passieren, ist daher zu vernachlässigen. Auch wenn es deutlich häufiger passiert ist, als dem einen in den Medien besprochenen Fall.
Das Schlimme sind Videos, die uns vorliegen, wo hunderte Menschen an Ausgängen hereingekommen sind, weil einfach nicht genug Fachpersonal dort war und die Kontrolle komplett verloren wurde. Zwei 19jährige, die morgens 10 Minuten Schulung und ne Warnweste bekommen, können keinen Straßenzug gegen hunderte Betrunkene verteidigen. Das ist wie wenn sich der Vatikan militärisch mit den USA anlegt.
Bezirksbürgermeister Hupke und zwei kleine Interessengemeinschaften fordern jetzt die Verlagerung von Veranstaltungen. Weg aus der Innenstadt und zum Beispiel stattdessen an der Deutzer Werft ein Programm für junge Leute spielen.
Das ist aus mehreren Gründen populistisch und nicht umsetzbar.
Die Deutzer Werft ist viel näher an sozialen Problemgebieten. Die Chance auf gewalttätige Auseinandersetzungen wächst dadurch immens, wir haben dort alle die Kirmes erlebt, die teils wegen Gewalt früher geschlossen wurde. Vor allem an Karneval ein Punkt der nicht noch weiter gefördert werden darf.
Des Weiteren liegt die Deutzer Werft direkt am Rhein, teils nichtmal in angemessener Höhe eingezäunt. Als die jungen Leute früher noch in der Altstadt am Fischmarkt gefeiert haben, kam es häufiger vor, dass manche am nächsten Tag in Düsseldorf angeschwommen kamen. In doppelter Hinsicht unwürdig. Wollen wir diese Risiken eingehen?
Der aber wichtigste Punkt dürfte sein, dass sich junge Menschen nicht einfach „verlegen“ lassen. Die wollen in die Innenstadt, die möchten rund um Grüngürtel und „Zülpi“ feiern, damit müssen wir uns auseinandersetzen. Es bringt nichts eine Bühne an den Stadtrand oder nach Deutz zu setzen.
Die Innenstadt wird diese jungen Menschen aushalten müssen, aber mit klareren Regeln.
Glas muss verboten werden, es gibt Straßen wo Menschen ihre Kinder und Hunde eine Woche nach dem „Ereignis“ noch immer tragen müssen aus Angst vor Verletzungen. Es gibt Spielplätze im Grüngürtel, die noch nicht bespielbar sind. Auf Monate, wenn dort nicht der gesamte Sand ausgetauscht wird. Es darf nie wieder passieren, dass Kinder in der Folge auf Spielplätzen nicht mehr sicher sind. Es ist Köln, kein Kriegsgebiet.
Menschenmassen lassen sich leiten, auch wenn sie jung und betrunken sind. Daher muss es klar abgegrenzte Zonen geben, ob Festivalflächen oder anderer Natur, darüber müssen wir sprechen. Die Grünen lehnen den Grüngürtel ab, weil Rasen zerstört werden würde. Wir halten das für einen großen Fehler. Die Fläche ist innerstädtisch und bietet viel Platz. Und Bonn macht es vor, dort stehen mehrfach im Jahr zehntausende Menschen auf der Rheinaue, der Rasen überlebt auch. Alleine mit dem Glasverbot wird der Grüngürtel schon massiv geschützt. Das hätte eine nicht zu unterschätzende Wirkung.
Die Stadt Köln hat jetzt die Möglichkeit sich Veranstalter:innen heranzuziehen. Sie kann uns zum Gespräch bitten, die Dehoga oder die absoluten Vollprofis von der Klubkomm.
Die Stadt wird aber nie die Verantwortung von sich geben können, sie wird immer selber Veranstalter sein, es ist absurd, dass das eine Idee ist die im Raum steht und von der Stadtspitze gefordert wird. Die Stadt muss es aber mit Profis machen und denen vertrauen. Profis die diese Stadt kennen.
Wir unterstützen ausdrücklich unsere im betroffenen Veedel engagierten Mitglieder Anna Heller vom Hellers Brauhaus Köln, das Team von Bei Oma Kleinmann, Claudia Wecker vom Studentenclub DAS DING und die vielen anderen, die mit guten Ideen und Argumentationen punkten. Nehmt die seit Jahren warnenden Worte der Wirtinnen endlich ernst, nehmt unsere Worte endlich ernst, hört auf diejenigen, die sich auskennen.
Köln hat Glück gehabt, dass es noch keine Katastrophe gab. Ausschließlich Glück.
Wie lange möchten wir diese Glück noch herausfordern?
Packen wir es an, es ist unsere Stadt, es ist unser Karneval.
Und der nächste 11.11. ist ein Samstag.
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Eure IG Kölner Gastro - die Stimme für mittlerweile knapp 500 Kneipen, Restaurants, Clubs, Cafés Veranstaltungen oder Bars.
PS: Das auf dem Foto ist nicht die Zülpicher Straße. Es ist eine von dutzenden Straßen in der Kölner Innenstadt, wo Menschen sich orientierungslos betrunken haben, weil es keine Festivalfläche gab.