16/01/2026
Krise in der Gastronomie
Restaurant „Lubitsch“ insolvent – Entscheidung über Zukunft gefallen
Charlottenburg-Wilmersdorf.
Wegen einer Baustelle bricht der Umsatz ein. Der Bezirk will helfen, macht aber einen Rückzieher. Nun steht fest, wie es weitergeht.
Von Norman Börner, Redakteur
16.01.2026, 18:32 Uhr
Das Restaurant „Lubitsch“ in der Bleibtreustraße in Berlin-Charlottenburg wird Ende des Monats schließen. Bis zuletzt hatten die Betreiber Caroline und Ole Cordua darum gekämpft, trotz der Insolvenz eine Lösung zu finden, um weitermachen zu können. Eine Einigung mit dem Vermieter sei trotz mehrerer Angebote durch den Insolvenzverwalter nicht drin gewesen. „Wir sind todtraurig, aber auch müde. Wir haben zwei Jahre gekämpft. Außer leeren Versprechungen kam aber auch aus dem Bezirk keine Unterstützung.“
Denn der größte Umsatzkiller wird dem Restaurant ohne Vorwarnung vor die Tür gesetzt. Im Jahr 2024 präsentierte der Verein Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI) seine Pläne, in einer Baulücke nahe dem S-Bahnhof Savignyplatz seinen neuen Hauptsitz zu bauen. Ein Bürogebäude. Die Corduas erfahren davon kurz vorher. Als die Bauarbeiten später im Jahr beginnen, zeigt sich das wahre Ausmaß. Ein Kran versperrt dauerhaft die Durchfahrt. Besucher, die vom Savignyplatz in Richtung Kudamm wollen, müssen sich am Rande der Unterführung hindurchzwängen. Das „Lubitsch“ liegt im „toten Winkel“ auf der gegenüberliegenden Straßenseite.
Restaurant „Lubitsch“: Institution in der Gastronomie des Berliner Westens
Rückblick: Mit großen Erwartungen hatte das Ehepaar 2018 das Lokal übernommen. „Ich habe mich sofort in das Lokal und diese Straße verliebt“, so Cordua. Ein Stück Paris in Berlin. Viel Geld, Arbeit und Herzblut fließen in das Lokal. Und das zahlt sich aus. Das „Lubitsch“, das schon seit den 1990er-Jahren eine Institution in der Gastronomie des Berliner Westens ist, behält auch unter den neuen Betreibern seinen guten Namen. Es läuft perfekt. „Wir hatten zwei wirklich fantastische Jahre“, erinnert sich Ole Cordua.
Dann kommen die Krisen. Die Corona-Pandemie, der Ukraine-Krieg und die steigenden Energiekosten machen allen Gastronomen das Leben schwer. Aber in diesen schweren Zeiten zeigt sich auch ein positiver Aspekt. Um den Restaurants unter die Arme zu greifen, dürfen die Läden größere Teile des Bürgersteigs nutzen, um mehr Gäste im Freien empfangen zu können. „Das ging wirklich unkompliziert und hat uns sehr geholfen“, sagt Cordua. Statt 17 Gästen konnten so 70 Gäste auf dem Gehweg bedient werden.
Uneinheitliche Regelung: Unterer Gehweg in Charlottenburg-Wilmersdorf tabu
Aber Ende 2022 ist es mit der „Gehwegunterstreifennutzung“ wieder vorbei. Neuerliche Anläufe für eine Erlaubnis bleiben erfolglos. Seitdem ist eine Sondernutzung auf den Gehwegunterstreifen in Charlottenburg-Wilmersdorf generell nicht mehr möglich, so das Bezirksamt. Tatsächlich aber wird die Nutzung dieses Teils des Bürgersteigs in den Bezirken vollkommen unterschiedlich gehandhabt. Während manche Bezirke die Nutzung komplett ablehnen, wird in anderen einzelfallbezogen geprüft und beschieden.
Die Baustelle hat uns das Genick gebrochen.
Ole Cordua, Betreiber des Restaurants „Lubitsch“
Das ist ärgerlich, aber zunächst noch tragbar. „Die Baustelle hat uns das Genick gebrochen“, sagt Cordua. Alle Bemühungen, eine vorübergehende Erlaubnis in einer Ausnahmesituation zu erhalten, bleiben trotz widersprüchlicher Signale aus dem Bezirksamt erfolglos. Das „Lubitsch“ habe auf Hinweis von Bezirksstadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne) einen Antrag gestellt, sogenannte Parklets einrichten zu dürfen. Das „Lubitsch“ hätte in dem Fall eine Parkbucht zur Erweiterung der Gastfläche nutzen können.
Unterschriften, Konzepte, Vereinsgründung: Wieso alle Bemühungen erfolglos blieben
Um ihr Anliegen zu unterfüttern, reichen die Betreiber Unterstützungsunterschriften der Anwohner ein. Der Antrag sei aber versandet. Monate später habe es dann geheißen, eine Ausnahmegenehmigung könne nur geprüft werden, wenn ein Konzept zur Belebung des Kiezes vorgelegt werde. Auch das habe man eingereicht. Es gründet sich der Verein „Freunde der Bleibtreustraße“, um die Interessen der ansässigen Gewerbetreibenden zu vertreten. Die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) beschließt im Mai 2025, das Bezirksamt zu beauftragen, den Unternehmern in der Nebenstraße des Kurfürstendamms zu helfen. Aber die Zeit rennt.
Gut 20.000 Euro fehlten den Corduas laut eigenen Angaben monatlich durch die Baustelle. „Der Touristenstrom zwischen Savignyplatz und Kudamm ist seitdem völlig abgerissen“, sagt Ole Cordua. Bezirksbürgermeisterin Kirstin Bauch (Grüne), Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) oder die Bundestagsabgeordneten Michael Müller (SPD) und Lukas Krieger (CDU) – sie alle hätten Unterstützung zugesagt. Stattdessen kommt im Oktober aus dem Bezirksamt die mehr als ernüchternde Antwort: Bei der Prüfung des BVV-Antrags habe sich ergeben, dass die dort genannten Sofortmaßnahmen rechtlich nicht zulässig seien, heißt es.
„Lubitsch“ in Berlin-Charlottenburg schließt: Was Gäste wissen müssen
Immerhin: Auf Ebene des Berliner Senats kommt Bewegung ins Spiel. Die schwarz-rote Landesregierung plant für 2026 ein Landesgaststättengesetz, das unter anderem die Außengastronomie erleichtern soll. „Das kommt für uns zu spät“, sagt Cordua. Der vergangene Sommer sei katastrophal gewesen. Aus „sofortiger Unterstützung“, die kommen sollte, wurde eine Nullnummer. Indes häufen sich die Pleiten im Bezirk. Neue Regeln für Außengastronomie sind geplant, aber eine Lösung noch weit entfernt. „Es ist kein Wunder, wenn die Menschen das Vertrauen in die Politik verlieren, auch wenn wir bestimmt ebenfalls Fehler gemacht haben.“
Hohe Kosten für Energie und Personal hätten die Kassen ebenfalls belastet. Die 30 Mitarbeiter seien bereits informiert worden, dass sie ab dem 1. Februar neue Jobs brauchen. Bis zum 29. Januar hat das „Lubitsch“ weiterhin von dienstags bis sonntags ab 17 Uhr geöffnet. Man wolle von den Gästen Abschied nehmen. Auch wenn es schwerfällt, jeden Tag darüber zu sprechen. „Wir wollen mit erhobenem Haupt gehen. Das Lager ist voll und es wird bestimmt noch der ein oder andere gute Tropfen geöffnet“, sagt Cordua.