30/05/2020
Wer sind die Jesiden und was wollen sie?
Gastbeitrag des Lesers Mirzayê Zaza
In den letzten Jahren hat sich gerade online bei vielen jüngeren und auch bei älteren Jesiden das Blatt bezüglich ihrer Identität gewendet. Viele haben ihre Unterstützung für kurdische Parteien und die Einheit des Kurdentums aufgegeben und berufen sich nur noch auf ihre jesidische Identität. Hierzu ist zu sagen, dass bei den allermeisten Jesiden immer die jesidische Identität an erster Stelle stand, aber da man immer eine Verbindung zum Kurdentum sah, war das nie problematisch.
Was ist also passiert, dass solch ein tiefgreifender Riss durch die jesidische Gesellschaft ging und gerade Junge Jesiden & Jesidinnen mitgerissen hat?
In vielen kurdischen Foren werden die herrlichsten Theorien aufgestellt. Jesiden werden von Armeniern bezahlt, es steckt der türkische Staat dahinter, es sind Anhänger Saddams usw usw. Im Grunde genommen erinnert es an die Behauptungen die auch Türken über die PKK und die Baathisten über die Bewegungen im Nordirak gemacht haben (nur wird dort gesagt, es handle sich um zionistische Einwirkungen usw.).
Natürlich ist das genauso lächerlich, wie wenn Türken und Araber das Leid der Kurden bestreiten. Anstatt ihre eigene Vergangenheit aufzuarbeiten, werden Komplotte suggeriert und irrationale Feindbilder erzeugt, um so die eigene Geschichte nicht aufarbeiten zu müssen und eigene Fehler einzugestehen.
Anstatt die Frage nach den Beweggründen zu stellen werden Diffamierungen, Beleidigungen und verspottende Worte als Waffen gegen die Jesiden eingesetzt.
In den wenigsten Fällen wird ehrlich hinterfragt „was haben wir falsch gemacht“, „wie können wir die Situation verbessern“ usw.
Stattdessen schreiben selbsternannte intellektuelle Kurden online Kilometer lange Beiträge über die Hinterhältigkeit der Jesiden. Man betreibt Geschichtsrevisionismus und das immer unter dem Vorbehalt, dass der eine Jeside den man kennt ein glühender Kurdistan Liebhaber sei.
Das stimmt auch, es gibt sie, die Jesiden die Kurden sein wollen, es gibt die Jesiden die ein Kurdistan befürworten, es gibt die Jesiden die Apo, Barzani und Telabani für Götter halten. Das bedeutet trotzdem nicht, dass sie die Mehrheit darstellen oder das diese Leute sich mit der Geschichte der Jesiden auskennen.
Was wollen nun wir Jesiden? Was sind unsere Motive?
Beweggründe etc.
1. Wollen wir in Form eines Dialogs eine ehrliche Aufarbeitung der jesidisch-kurdischen Geschichte. Ohne Relativierungen, ohne den typischen whataboutism usw., sondern dass die Kurden endlich zu der blutigen Vergangenheit gegenüber den Jesiden stehen und aufhören die blutigen Taten ihrer Mir's und Begs zu relativieren.
2. Eine Entschuldigung und das Eingeständnis für das Verhalten und versagen der kurdischen Peshmerga am 03 August 2014. Die Vorfälle müssen ehrlich aufgearbeitet und die Verantwortlichen zur Verantwortung gezogen werden.
3. Sollen sich kurdische Parteien und ihre jesidischen Laufburschen aus unserer Theologie raushalten. Der Islam hat genügend Reformationsbedarf, Justierung und Verbesserung nötig. Wenn ihr vor eurer eigenen Haustür fertig seid, dann können wir uns gerne auf ein Gespräch basierend auf Fakten einlassen.
4. Tatsächlich unterstützen auch viele Jesiden die Hoffnung der Kurden auf Selbstständigkeit. Sei es nun durch Autonomie oder einen eigenen Staat. Wir erhoffen uns das auch ihr endlich frei von euren unterdrückerischen Glaubensgenossen werden könnt und hoffentlich einen säkularen und demokratischen Staat aufbauen könnt, was ich leider bezweifle - bezogen auf die Staatswerdung so wie Demokratie und Säkularität. Die Diversität der kurdischen Parteilandschaft und die religiöse Sackgasse vieler Alteingesessener Bewegungen, die beispielsweise die AKP wählen oder einen neuen Scharia-Staat aufbauen möchten steht den säkularen Kurden-Bestrebungen dimeral gegenüber.
Wenn wir Jesiden von Ezidxan sprechen, dann meinen wir keinen Gottesstaat oder sonstiges. Sondern reden wir von Selbstverwaltung und noch wichtiger Selbstverteidigung. Der Irak und Syrien sind gescheiterte Gebilde, jedoch muss ich sagen, dass ich denke, das Kurdistan was seinen Umgang mit Minderheiten angeht wahrscheinlich kein Stück besser sein wird... aber die Hoffnung stirbt zuletzt.
5. Hört auf unser Leid als euer Leid zu verkaufen. Ich lese immer wieder jesidische Kurden wurden getötet, jesidische Kurden wurden verschleppt und versklavt...
Der einzige Grund, weshalb uns das passiert ist, ist weil wir Jesiden sind. Früher waren unsere Peiniger fast immer NUR Kurden gewesen. Wenn ihr nun daherkommt und uns als einen Teil von euch darstellt, wieso sind wir dann in der Vergangenheit nur von euch abgeschlachtet worden?
Seid ehrlich zu euch selbst, betrachtet das Blut an euren Händen und seht ein dass ihr für die fremdartigen eure einstigen Geschwister geopfert habt, wie die Lämmer die zur Schlachtbank geführt werden.
An die jesidischen Laufburschen, die sich als Schutzschild vor den Barzanis, Peshmergas, Bedirxans Liebhaber und Rewandus Verehrer, wie schlaft ihr bei Nachts? Habt ihr noch etwas Selbstachtung oder seid ihr wie kleine Dackel die sich einfach über jedes Leckerli freuen? Eure Vorfahren sind zu Tausenden geopfert worden und ihr relativiert und streitet es ab.