23/07/2025
Liebe Gäste der Schöcklstube!
Liebe Geschäftspartner!
Geschätzte Freundinnen und Freunde!
Es ist an der Zeit, Euch allen "Ciao" zu sagen.
Ich werde die Schöcklstube Ende August für immer schließen.
Es ist fast ein Vierteljahrhundert her, seit der erste von mir servierte Espresso in meiner Schöcklstube über den Tresen ging. Für mich war die Arbeit in der Schöcklstube nicht nur Beruf, sondern eine echte Berufung, der ich mit großer Freude und mit Engagement gefolgt bin. Mir war es immer ein Herzensanliegen, meinen Gästen von Jung bis Alt einen gastlichen und behaglichen Ort der Einkehr und des Verweilens vor oder nach ihrem „Schöcklabenteuer“ zu bieten. Dazu gehörte neben dem Kerngeschäft einer gelebten Gastlichkeit immer auch, bei einer Tasse Kaffee oder einem Glas Wein ein offenes Ohr für die Anliegen, Sorgen und Probleme meiner Stammgäste zu haben.
Über die Jahre hinweg konnte ich die Schöcklstube zum „Strudelgeheimtipp“ formen: mit einer ständig weiterentwickelten Auswahl vom Apfel- und Topfenstrudel bis zum Marillen-, Apfel-Topfen- und Heidelbeerstrudel. Viele meiner Gäste meldeten mir immer wieder zurück: „Mara, ich bin heute nur wegen deiner Strudel nach St. Radegund gefahren. Bitte gib mir dreimal Apfel-Topfen und dreimal Marille mit für unseren Familiennachmittag!“
Ich habe in der Schöcklstube sehr viel gelernt, erlebt, erfahren, insbesondere von meinen treuen Stammgästen, mit denen ich meine gesamte Angebotspalette im Gespräch weiterentwickeln konnte. Unsere Branche lebt vom aktiven Zuhören im Gespräch mit den Gästen! Denn es ist immer der treue, sachlich-kritische und wohlwollende Stammgast, der mit seiner Wirtin die Leistungen gemeinsam verbessert. Die daraus entstandenen „kleinen Innovationen“ durften danach alle meine Gäste schätzen und genießen.
Trotz aller Bemühungen um den Gast traf ich mitunter auch auf notorische, zum Teil unverschämte Meckerer und Besserwisser, denen nie etwas passt und die an allem etwas auszusetzen haben. Dieser Menschentyp liegt leider im aktuell vorherrschenden Zeitgeist, der sich immer an Problemen ergötzt, statt an Lösungen zu arbeiten. In Goethes „Faust“ begegnet man in der Figur des Mephisto bereits dem metaphysischen Idol und Role-Model jener „Negativdenker“ als „einem Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. (…) Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht; denn alles, was entsteht, Ist wert, dass es zugrunde geht.“
Ich habe mich vom „Baden in Problemen“ jedoch nie infizieren lassen, sondern habe tagaus, tagein versucht, meine Gastkultur Schritt für Schritt weiterzuentwickeln. Diesem Lebensmotto werde ich auch für meine weitere berufliche Zukunft treu bleiben!
Nach rund 25 Jahren als „Markenzeichen der Schöcklstube“ ist mir meine Entscheidung, als Eure Wirtin der Schöcklstube aufzuhören, freilich nicht leichtgefallen. Mich verbindet nämlich ein „unsichtbares Band“ mit meinen treuen Gästen, von denen ich nicht nur ihre kulinarischen Vorlieben kenne, sondern von denen ich auch viele „G´schichten und Anekdoten aus ihrem Leben“ erfahren habe: von faszinierenden Abenteuern am Schöckl und in der steirischen Bergwelt über heitere und fröhliche Anekdoten bis zu tragischen Episoden in ihrem Leben. Wäre ich eine Schriftstellerin, könnte ich ein unterhaltsames Buch mit „unglaublichen Alltagsgeschichten“ verfassen, selbstverständlich unter Wahrung der Vertraulichkeit und Verschwiegenheit, die eine seriöse Wirtin auszeichnet!
Im Rückblick auf alle Erinnerungen, Begegnungen und Gespräche kann ich resümieren, dass erst durch all meine Gäste die Schöcklstube zu einem Treffpunkt für Menschen in all ihrer Vielfalt geworden ist: international, intergenerativ und interkulturell! Bei Kaffee und Kuchen oder einem Glas Welschriesling gelang oft die Überwindung von Grenzen und Trennendem, sodass wechselseitiges Verständnis und Vertrauen entstehen konnten.
Nun erwarten mich neue, spannende Aufgaben. Ich freue mich.
"Das habe ich noch nie vorher versucht, also bin ich völlig sicher das ich es schaffe".
Das lachende Auge blickt auf die neuen und faszinierenden Herausforderungen, das weinende Auge auf diese wunderbaren und lehrreichen 25 Jahre als Eure Gastgeberin in der Schöcklstube zurück.
Hermann Hesses wunderschönes Gedicht „Stufen“ bringt diese ewige Spannung zwischen „Alt und Neu“, zwischen „alten, vertrauten und neuen, noch unbekannten Wegen“ in unser aller Leben gut auf den Punkt:
Es muss das Herz bei jedem LebensrufeBereit zum Abschied sein und Neubeginne, um sich in Tapferkeit und ohne TrauernIn andre, neue Bindungen zu geben. Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Ich darf daher abschließend von ganzem Herzen danken:
jedem einzelnen meiner Tausenden Gäste und (deren Vierbeinern) von denen mich viele sehr oft besucht haben!
den Paragleitern, Downhillern und alle anderen Sportbegeisterten
allen meinen Geschäftspartnern und „Verbündeten“
der Holding Graz und dem Team der Schöcklseilbahn für die jahrzehntelange Kooperation
ein ganz spezieller Dank, an Herrn Mag. Christian E. für die vielen unvergesslichen G'schichten und Anekdoten
Und zuletzt - ein riesengroßes DANKE an dich mein Schatz, für das du mir immer den Rücken gestärkt hast ❤️
Ich hoffe, dass sich mit dem einen oder anderen Stammgast auch in Zukunft die Wege kreuzen mögen!
Mit herzlichem Dank, Verbundenheit und mit viel viel Liebe!
Eure „Strudel- Wirtin“
Mara
Hermann Hesse: Stufen
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe, Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern. Es muß das Herz bei jedem LebensrufeBereit zum Abschied sein und Neubeginne,Um sich in Tapferkeit und ohne TrauernIn andre, neue Bindungen zu geben.Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,An keinem wie an einer Heimat hängen,Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.Kaum sind wir heimisch einem LebenskreiseUnd traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die TodesstundeUns neuen Räumen jung entgegen senden,Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
© Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1953, 1961Aus: Die Gedichte. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2001Audioproduktion: Hermann Hesse - Über das Glück. Briefe, Gedichte und Prosa. Gelesen von Hermann Hesse und Gert Westphal. Zusammengestellt von Volker Michels. Der Hörverlag, München 1995/2008
(Foto privat)